Das Richtige tun vs. Karriere um jeden Preis
29. September 2008Heute möchte ich ein Erlebnis schildern, das mich vor einigen Jahren vor die Wahl stellte: Geld oder Gewissen? Es war im Jahr 2005. Ich war damals 19 Jahre alt und es gab eine Sache, die mich viel mehr interessierte als mein Abitur - die Börse und das Geldverdienen. Mein Ziel war es Aktienspekulant zu werden und durch Zufall entdeckte ich eines Abends im Internet eine Stellenanzeige, wo junge Broker gesucht wurden, um über zwei Jahre ausgebildet zu werden…und zwar in der Finanzmetropole Frankfurt.
“Das ist meine Chance!“, dachte ich und schon am nächsten Tag schickte ich meine Bewerbung los. Ein Abitur oder besondere Kenntnisse waren nicht erforderlich, aber es war von Vorteil, wenn man sich für die Finanzmärkte interessierte. Ich begann schon zu träumen wie ich dort arbeiten würde und vor allem wieviel Geld ich verdienen würde, denn die Bezahlung war ausgezeichnet, vor allem wenn man bedenkt, dass man sich in den ersten Jahren in der Ausbildung befindet. Ich glaube, es waren etwa 2500€ brutto und hinzu kam ein Provision, die davon abhängig war wieviel Aktien man verkaufte.
Nach einer Woche bekam ich überraschenderweise einen Anruf vom Leiter der Abteilung, wo ich mich beworben hatte. Er war sehr freundlich fragte mich, ob ich erst mein Abitur beenden wollte, oder Lust hatte gleich anzufangen. Obwohl ich am liebsten gleich losmarschiert wäre, entschloss ich mich den Abschluss zu machen, denn schließlich hatte ich nichts zu verlieren, wenn es auch später einen Platz für mich gab. Mein zukünftiger Chef lud mich sogar nach Frankfurt ein, um mich kennenzulernen - und das Beste: die Firma übernahm die Hotelkosten.
Ein Angebot das man nicht ablehnen kann.
Ich verknüpfte den Besuch mit der Traders World (Messe zum Geldverdienen an den Finanzmärkten) und konnte so meinen Aufenthalt in Frankfurt (Würde das mein neues Zuhause werden?) doppelt genießen. Am Bahnhof wurde ich mit einem neuen, glänzenden Mercedes vom Abteilungsleiter abgeholt, der zu den Senior Brokern gehörte. Ich würde als Junior Broker anfangen. Er führte mich in den Trianon, einen der Wolkenkratzer in Frankfurt (Höhe 186 Meter) - das Büro lag im oberen Drittel.
“Nicht schlecht,” dachte ich mir, “ich steige auf.” Die Aussicht war beeindruckend und ich war auch beeindruckt. Der Abteilungsleiter war etwa 15 Jahre älter als ich und sehr freundlich, es würde sicherlich Spaß machen hier zu arbeiten. Die Aufgabe der Broker bestand im Wesentlichen darin bestimmte Listen mit Telefonnummern durchzuarbeiten. Man musste die Leute anrufen und ihnen am Telefon Aktien verkaufen. Falls man das schaffte, bekam man ein Provision. Also wirklich keine schwere Arbeit: telefonieren, Aktien verkaufen, viel Geld verdienen.
Zuerst hatte ich etwas Angst, ob man mich überhaupt nehmen würde, aber der Abteilungsleiter erklärte mir, dass ich etwas offener werden müsste, um verkaufen zu können, und außerdem gab es einen Zulassungs-Test. Englisch- und Aktienkenntnisse. “Alles machbar”, dachte ich mir, ” nichts, was ich nicht schaffe, bis es soweit ist” (ich wollte erst nach meinem Abschluss anfangen…). Ich hatte ein tolles Wochenende in Frankfurt und freute mich schon auf meine Karriere als Broker.
Allerdings schien mir dieses ganze Angebot irgendwie zu gut zu sein. Ich hatte dieses Gefühl, das man hat, wenn zwar alles perfekt scheint, aber irgendwie ist da noch mehr. Warum sollte jemand so zuvorkommend sein und mir soviel Geld bezahlen, um zu telefonieren? Deshalb tat ich das, was jeder Mensch mit Internetzugang und einem Problem tut: Ich googlete. Zuerst nahm ich mir die Aktien vor, die diese Firma am Telefon verkaufte. Das Komische war, dass sie fast alle ein sehr unnatürliches Verhalten zeigten. Zuerst ein steiler Anstieg und dann ein Absturz. Es handelte sich um Smallcaps (=kleine Unternehmen), die leicht zu manipulieren sind und ich hatte gleich einen Verdacht.
Irgendwie wollte ich gar nicht weiter recherchieren, weil es mir meine tolle Chance Broker zu werden vielleicht zerstörte, aber schließlich wollte ich wissen mit wem ich es hier zu tun habe. Nach einigen Tagen hatte ich noch immer nichts Handfestes. Viele kleine Aktien sind spekulativ und bewegen sich viel, das war kein Geheimnis. Diese Aktien anzubieten ist auch nicht illegal oder etwas Ähnliches.
Erst nach vier Tagen kam ich auf ein britisches Forum, wo man sich ausführlich über meinen zukünftigen Arbeitgeber unterhielt. Es waren viele Kunden dabei, die erzählten was passiert war. Es war gut, dass ich die Temperatur des Wassers geprüft hatte, bevor ich in den See gesprungen war. Diese so seriös wirkende Firma (sie hatte schließlich ein Büro mit ca. 20 Mitarbeitern im Trianon und arbeitete weltweit - es war kein deutsches Unternehmen) war im Grunde ein Abzockerladen.
Die Mafia unserer Zeit. Man verkaufte naiven Anlegern hochspekulative Aktien mit unrealistischen Versprechungen am Telefon und arbeitete insgeheim mit den Unternehmen zusammen - gründete sie möglicherweise selbst. Hatte man die Aktie genug gepusht - dadurch konnte man auch zeigen, wie gut sie war, denn sie stieg stark - verkaufte man seine eigenen Aktien und ließ die Anleger mit wertlosen Papieren zurück. Das Erstaunliche war, dass dieses Unternehmen relativ groß ist und Filialen auf der ganzen Welt besitzt. Es dürfte auch sehr schwer sein etwas zu beweisen, da diese Organisationen Gesetzeslücken nutzen und ihren Sitz im Ausland haben. Der Verkauf von Aktien ist schließlich auch nicht verboten - auch nicht am Telefon. Es ist nicht einfach zu beweisen, dass die alle unter einer Decke stecken und Kleinanleger abzocken und ich bin mir bis heute nicht ganz sicher…
Damit platzte meine Karriere vom Broker mit viel Geld so plötzlich wie sie angefangen hatte. Es kam für mich nicht in Frage meinen Lebensunterhalt mit Lügen und Betrügen zu bestreiten - egal wie hoch die Bezahlung war. Ich weiß nicht wieviele der Broker in dem Büro, das ich gesehen habe, wussten, was sie da taten und wievielen es egal war. Es war auf jeden Fall kriminell, auch wenn alles einen schönen, legalen Anstrich hatte.
Manchmal frage ich mich heute, was passiert wäre, wenn ich nicht nach weiteren Informationen gesucht hätte, wenn ich das fantastische Angebot dankend angenommen hätte, wenn ich Broker in Frankfurt geworden wäre? Ich weiß es nicht, aber ich bin froh diese Entscheidung getroffen zu haben. Auch heute bin ich nicht ganz sicher, ob diese Firma aus Gangstern in Seidenanzügen besteht, denn sie arbeitet noch immer. Vor zwei Jahren erhielt ich einen Anruf von dort - dieses Mal jedoch als Kunde (irgendwie ist meine Telefonnummer auf eine der Listen gekommen). Man wollte mir hochspekulative chinesische Aktien verkaufen. Das Unternehmen würde kurz vor einem Durchbruch stehen und so weiter. Kein sehr seriöses Angebot.
Ob dieses Unternehmen wirklich besteht und etwas produziert, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob man damit Geld verdienen kann oder nicht. Alles, was ich im Internet erfahren hatte, war, dass einige Aktien, die empfohlen wurden, nicht gut gelaufen waren und dass in einem Forum nicht gerade schmeichelhaft über diese Firma geredet wird. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich glaube, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Das reicht mir, um mit diesen Leuten nichts zu tun zu haben. Allein schon der Verdacht, dass es sich hier um einen sogenannten Boiler Room handelt, war genung. Ich wollte das Richtige tun.
Vielleicht gibt es Menschen, die das Angebot dennoch angenommen hätten, aber ich fühle mich sehr wohl mit meiner Entscheidung. Es gibt auch andere Wege. Ein Mann hat einmal gesagt: “Wir sind die Summe unserer Entscheidungen.” Er hat vollkommen Recht damit. Jeder Mensch trifft im Leben seine Entscheidungen und das wichtigsten ist, dass er damit leben und Verantwortung übernehmen kann.
Manche werden vielleicht fragen, was die Moral dieser Geschichte ist. Wahrscheinlich seinen gesunden Menschenverstand zu benutzen, seinem Instinkt zu vertrauen und das Richtige zu tun. Zumindest ist sie das für mich. Ich bin sehr froh, dass ich diese Gelegenheit damals nicht genutzt habe, auch wenn ich heute keinen Mercedes fahre.
Leben Sie Ihr Leben!
Viel Erfolg!
PS: Zwei Jahre nach diesem Ereignis entdeckte ich den Film “Risiko - Der schnellste Weg zum Reichtum” (Originaltitel: Boilerroom), der genau von der gleichen Situation handelt. Allerding hat der junge Seth Davis die Stelle als Börsenmakler angenommen und findet erst später über die dunklen Machenschaften heraus. Für alle, die nicht verstanden haben, wovon ich erzählt habe und wissen wollen, was ein Boilerrom ist, ist der Film sehr empfehlenswert. Im Film werden die Betrüger gefasst - in der Realtität machen sie weiter Geschäfte. Auch wenn im Film alles etwas dramatisiert wurde, läuft es im Grund so ab. Hier geht’s zum englischen Trailer zum Film.

29. September 2008 um 11:28
Ich war vor einigen Jahren selbst in einer Situation, wo mir ein Gewinn von mehreren tausend Euro winkte. Mein Kunde hat allerdings eine Entscheidung von mir verlangt, bei er ich die Gefährdung von Menschen und Sachwerten in Kauf genommen hätte. Ich habe den Auftrag abgelehnt, obwohl ich die Kohle bei meiner damaligen finanziellen Knappheit gut hätte gebrauchen können.
Ich verdiene zwar gerne Geld, gehöre aber nicht zu den Leuten, die sich für 500 Euro “ins Knie schießen lassen”. Heute bin ich froh, dass ich mich damals nicht verbogen habe.
29. September 2008 um 15:02
Diese Unternehmen gibt es übrigens nicht nur in der Aktienbranche, im Immobilienbereich sind die noch viel stärker.
Gerhard Zirkel
30. September 2008 um 06:13
Ich habe es gelassen, aber es ist unglaublich, dass solche Geschäfte mehr einbringen als Altenpflege oder Krankenschwester.
Ein Bekannter von mir hatte den Job angenommen, mittlerweile hat ihn seine Frau samt Kinder verlassen, weil er nie zu Hause war, wenn sie ihn brauchte, sondern er Überstunden im Büro machte.
Ergo: Geld ist nicht alles, wenn man dann alleine dasteht.
30. September 2008 um 13:24